Von Ja- und Neinsagern

Bei vielen örtlichen Projekten hier in Südostbayern – wie auch bei Großprojekten und anderen Vorhaben der Wirtschaf und Politik – suchen und finden Bürger vermehrt Wege und Möglichkeiten auch Ihre Einwände geltend zu machen. Leichtfertig werden sie für Ihr Engagement (welches in einer Demokratie ja eigentlich unverzichtbar ist. Ist aber ein anderes Thema) von den Politikern als notorische „Nein-Sager“ abgestempelt. Ich möchte hier nur kurz ausführen, wie kurz gesprungen solche Aussagen sind:

– Was ist falsch daran, seine Meinung kund zu tun, auch wenn Sie nicht die Meinung ist, die sich unsere „Volksvertreter“ für einen reibungslosen Ablauf der Projekte wünschen?

– Was soll man von einem Volksvertreter halten, der die Kundgabe der Bürgermeinung  polemisch als verquere und böswillige Kampagne irgendwelcher Spinner abtut?

Ich möchte keine Politiker und Wirtschaftsgrößen haben, die nur alles abnicken, was Ihnen „eine Etage“ höher vorgestellt wird, was Profit in die eigene Taschen wirtschaftet oder gerade gut in den Ablauf passt. Ich wünsche mir Menschen mit einem gefestigten Willen, die auch mal gegen den Strom schwimmen, um Neues zu bewegen, alte Gleise zu verlassen und Seilschaften zu sprengen. Sind es nicht gerade die „Nein-Sager“ gewesen, die z.B. nach dem 2. Weltkrieg für Ihr tapferes „Dagegen Sein“ geehrt und gewürdigt wurden? Sind es nicht gerade z.B. die Gegner der Atomkraft gewesen, die uns den Aufschwung der alternativen Energien beschert haben und damit auch den derzeitigen Wirtschaftsaufschwung unterstützten als die etablierten Parteien immer noch so schwachsinnige und dumpfe Anti-Parolen verbreiteten wie „Strom kommt aus der Steckdose“ (um die damaligen Nein-Sager als Deppen darzustellen). Ist es denn nötig, Gegenstimmen immer gleich zu Feindschaften zu erklären anstatt die Chancen darin zu erkennen? Haben unsere Führungskräfte keine Argument, mit denen sie die Projekte und Entscheidungen der mitdenkenden Bevölkerung plausibel und glaubwürdig erläutern können? Damit könnte man doch einen Konsenz schaffen der diese Projekte tragen würde und – wenn es dann wirklich keinen gibt – einfach auf das eine oder andere Projekt verzichten, was zu unserer derzeitigen  Kassenlage auch eher passen würde.

Ob es der Ausbau der A8 ist, die neuen Salzachbrücken bei Fridolfing und Laufen, die 3. Startbahn von MUC II, die Isentalautobahn, die Laufzeitverlängerung der Atomkraftwerke, Olympia 2018, Stuttgart 21, usw. und so fort. Warum nimmt keiner der betroffenen Politiker die Bevölkerung ernst sondern geht sofort in die (oftmals aggressive) Offensive? Warum wundern sich die Politiker über zunehmende Politikverdrossenheit und mangelnde Unterstützung in der Bevölkerung, wenn man als Wähler von ihnen umworben wird mit Versprechungen, zur Schau gestellter Bürgernähe und hundertfacher Versicherung, dass alles nach der Wahl nun anders würde. Und  dann – als Bürger nach der Wahl – wird man von den gleichen Politikern beschimpft und bedroht, nur weil man seine Rechte wahrnimmt!

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Ich rede hier nicht notorischen Besserwissern das Wort, welche aus Prinzip nur ihre eigenen Ansichten gelten lassen (und die es in jeder politischen Richtung gibt!)  und enthalte mich in diesem Beitrag auch bewusst einem Für oder Wider zu den oben genannten Projekten! Aber: Einfach „Ja-Sagen“ das kann jeder. Mitschwimmen im großen Schwarm hat noch nie tapfere Menschen gebraucht. Aber den Kopf heben, sich eine eigene Meinung bilden und diese dann auch auszusprechen, das bedeutet: Sich auch auszusetzen, sich der Kritik zu stellen. Das erfordert Mut und hat meinen ganzen Respekt.

Übrigens kann es passieren, dass dieselben Politiker, welche „Nein-Sager“ gerade abkanzeln kurze Zeit später pressewirksam Jugendliche auffordern doch endlich „Nein“ zu sagen gegen Drogen, Menschen medienwirksam ermahnen endlich „Nein“ zu sagen gegen rechte Gewalt oder auch mal ein deutliches „Nein“ fordern bei den nächsten Wahlen (natürlich nur gegen die politischen Gegner). Es geht doch 😮

Und hier noch ein Gedicht (nicht von mir!), welches – passend zum Thema – die grundsätzliche Gleichheit von Ja und Nein darstellt und die Notwendigkeit, seinen eigenen, individuellen Weg zu gehen:

Man kann sich nicht ein Leben lang

die Türen alle offenhalten, um keine Chance zu verpassen.

Auch wer durch keine Türe geht, und keinen Schritt nach vorne wagt,

dem fallen, Jahr für Jahr, die Türen, eine nach der andern, zu.

Wer selber leben will, der muss entscheiden,

mit „JA“ und „NEIN“ im Grossen und im Kleinen.

Wer sich entscheidet – wertet, wählt – und das bedeutet auch Verzicht.

Denn jede Türe, durch die er geht, verschließt ihm viele andere.

Man darf nicht mogeln und so tun,

als könne man errechnen und beweisen

was hinter jeder Tür geschehen wird.

Ein jedes „JA“ – auch   bedacht, geprüft –

ist doch ein Wagnis und verlangt ein Ziel.

Das ist die erste aller Fragen: Wie heißt das Ziel,

an dem ich messe „JA“ und „NEIN“ ?

Und: Wofür will ich leben ?