tierischer Uebersetzungsfehler

Bei der Betrachtung eines der vielen, vielen Videos im Internet über das Wirken eines „Pferdeflüsterers“ wurde schnell deutlich, dass es sich bei dem Begriff „Pferdeflüsterer“ wohl um einen Übersetzungsfehler handeln muss.

Bei der Interpretation des Begriffs „Pferdeflüsterer“ ging ich intuitiv davon aus, dass es sich hier um jemanden handelt, der mit dem Pferd ganz leise spricht und umgeht. Unterschwellig hatte ich darüber hinaus stets angenommen, dass bei einer Behandlung dieser Art das Pferd wohlwollend und ruhig behandelt wird. Übertriebene Dominanz und autoritäres Gehabe, Macho- und Egotrips, Druck oder Gewalt tauchten in diesem Gedankenbild nicht auf.

Nun ist es aber so, das die Hauptakteure – meist zwei – in so einer Konstellation, zwei verschiedenen Gattungen angehören. Pferd und Mensch sind – was die Primär-Sprache angeht (und nicht nur dort) – sehr verschieden.

Bezieht man die Bezeichnung „Pferdeflüsterer“ rein auf die Lautäußerungen des Menschen, mag sie sogar zutreffend sein, wenn sie auch ein völlig falsches Bild erweckt. Der Mensch sagt in den dargestellten Handlungen meist nichts oder äußert sich nur sehr eingeschränkt während der Beschäftigung mit dem Pferd. Der Mensch hat – was eigentlich ja richtig ist – offensichtlich die Sprache gewechselt und versucht mit dem Pferd in dessen Sprache zu kommunizieren , im weitesten Sinne zu sprechen (oder „flüstert“ eben).

Die Art der Kommunikation, wie sie dann dort gelebt und ausgeübt wird, ist aber mit dem Ausdruck „Pferdeflüsterer“ in den allermeisten Fällen absolut unzutreffend, wenn nicht sogar komplett kontraproduktiv dargestellt.

Die pferdische Sprache ist in erster Ebene eine Gesten- und Körpersprache. So sind Haltung, Gesten, Zeichen sowie deren Ausführung in Bezug auf das gewählte Tempo, Größe und Höhe der Ausdruck der „Lautstärke“ in dieser Sprache. Große Gesten mit viel Höhe und heftiger Motorik sind in der Regel „LAUT“, horizontale ruhige, wenig große Bewegungen auch im körpernahen Bereich, defensives verhalten ist eher „leise“.

Die phonetischen Lautäußerungen des Pferdes sind eher sekundär. Pferde nehmen zwar Laute sehr gut wahr und vermögen kleinste Geräusche örtlich zuzuordnen, den Sinn unserer menschlichen Sprache kann man einem Pferd aber nicht verständlich machen. Einfache, gelernte Worte können einer Bewegung oder Sache oder einfachen Abläufen zugeordnet werden (beim Fahren oder der Arbeit am Boden wird viel mit Stimme gemacht und auch vom Pferd gelernt). Die Sprachmelodie, die Betonung und die Tonfrequenzen spielen hier auch eine – nahezu gleichbedeutende, wenn nicht größere Rolle (je nach Ausbildungsstand des Pferdes und des Menschen). Tiefe Töne sind meist beruhigend, schrille und unruhige Töne verursachen Nervosität beim Pferd (und bei mir).

Wenn einem das bewusst ist und man ein wenig von Pferden und deren facettenreicher und feiner Gebärdensprache weiß, sieht man die „Pferdeflüsterer“ plötzlich und leider meist sehr heftig von einer ganz anderen Seite. Da wird nämlich auf pferdisch nicht geflüstert sondern geschrien. Da wird nicht gebeten sondern gedroht. Da wird nicht erklärt sondern gescheucht.

Da versteht man dann auch als Laie, warum sich manche Menschen, die nicht nur leise reden sondern auch pferdisch wirklich flüstern, die Bezeichnung „Pferdeflüsterer“ nicht auf sich bezogen wissen wollen.