Fossile Politik

Als „Fossil“ bezeichnet man jedes Zeugnis vergangenen Lebens aus der Erdgeschichte. Klar, da gehört das Leben der letzten fünfzig Jahre auch dazu. Aber wenn man sich die Wandlungen der letzten Jahre betrachtet, kann man nicht umhin, zu bemerken, dass die Fossile nicht mehr so lange benötigen, wie früher, um wirklich alt aus zusehen. Politiker zum Beispiel, die nur den fossilen Brennstoffen und den damit verbundenen Techniken huldigen, werden sich – schneller als gedacht – in irgendwelchen Sammlungen der Zeitgeschichte wiederfinde. Die Kinder vor der Ausstellungsvitrine fragen dann mit großen Augen: „Haben die denn nicht lesen können? Auch 2011 gab es doch schon genügend Berichte, die das Ende der fossilen Brennstoffe vorgesehen haben?“ „Doch“, sagt der Sammlungsleiter dann, „sogar genau, aber es war Ihnen wichtiger, Geld zu verdienen, ihre Macht zu behalten und eine kurze Zeit des Erfolgs. Und dann musste man ja noch die Reste der Atomenergie beseitigen. Das hat alles gekostet – vor Allem Zeit.“ Tja – so wird es wohl kommen – wenn wir Glück haben.

Es ist eben einfach nicht zu verstehen, warum sich unsere Politik – oft sogar gegen die erbitterten Widerstände der Bevölkerung – in Projekten verbeißt, welche vermutlich vor der Fertigstellung schon durch die immense Treibstoffpreiserhöhungen, Rezessionen und Strukturwandel ad absurdum geführt werden. Warum z.B. sollen wir in Bayern am MUC II eine dritte Startbahn benötigen? Die Lufthansa und Air Berlin, die beiden größten Fluglinien Europas, bauen ihren Flugzeugbestand ab und gehen auf Sparkurs, weil die Passagierzahlen zurück- und die Treibstoffpreise unkalkulierbar hochgehen. Wer wird sich in zehn Jahren, wenn die dritte Startbahn fertig ist, denn noch einen Flug leisten können (oder wollen)? Vielleicht wäre es uns dann lieber, die Felder ständen noch zur Verfügung, um Lebensmittel anzubauen, denn den Import von billigen Lebensmitteln kann man mit steigenden Preisen beim Treibstoff auch vergessen. Und das die Preise steigen werden, ist unbestritten. Selbst wenn die Erdölförderung weiterginge wie bisher, wird der Weltbedarf für eine enorme Steigerung sorgen. Aber es ist klar, dass die Öl- und Gasreserven endlich sind. Kunststoffe und Medizin sowie die dringend nötige Versorgung von Fahrzeugen zur Lebensmittelproduktion und für Industrie und Handwerk werden weltweit den Löwenanteil des teuren Rohstoffes einfordern. Überflüssige Transporte, sowie z.B. der Schweinehälften von Holland nach Parma und zurück als Parma-Schinken in den Norden Europas und wieder zurück nach Süden über die Zentrallager der Discounter und wieder zurück in die Läden vor Ort, wird es dann einfach nicht mehr geben. Wozu also Autobahnen aufrüsten für den, simpel vom heutigen Stand der Dinge hochgerechneten, Bedarf von 2050, ohne auch nur ein einziges Mal daran zu denken, wer die Dinger denn dann noch benutzen soll. Gut, elektrisch kann man fahren, aber auch nur, solange Energie genug da ist. Wird zum Beispiel das Heizen oder Produzieren mangels Alternative auch auf elektrische Energie umgestellt, wird diese Energie nicht für den Standard von heute reichen – schon gar nicht, wenn auch andere Menschen unseres Erdballs daran teilhaben wollen.  Also sollten unsere „Fossis“ mit aller Energie daran arbeiten, diesen Fahrplan für eine umfassende Energiewende auf die Reihe zu bekommen.  Und da kann es nicht heißen: „Mit was fahren wir dann?“ Sondern es muss heißen: „Erstens <Sparen> und zweitens >alles auf den Prüfstand>. Welche durchschlagende Erfolge man beim Einsparen haben kann, zeigt z. B., auch das Buch von Ernst Ulrich von Weizsäcker, Karlson Hargroves und Michael Smith „Faktor Fünf“. Ohne wirklich auf wichtige und gewohnte Lebensstandards verzichten zu müssen, sondern eher noch mit einer Steigerung der Lebensqualität verbunden, wäre die 5-fache Ausnutzung des Energie- und Ressourcenpotentials möglich, wenn alle Register gezogen und all unser Wissen geschickt und intelligent genutzt würde. Dazu benötigen wir aber erst einmal die Lösung der Politik von der Klienten-Politik, vom Lobbyismus und der Wahnsinnsidee vom unbeschränkten Wachstum. Hierzu hat z.B. die ÖDP hervorragende Ansätze erarbeitet, die in jeder politischen Partei umgesetzt werden könnten. Fossile Energie – was war das gleich wieder? Ach ja: irgendwas mit C (über 80% CO), genau wie in den fossilen Parteien…

Und das Auge sieht es nicht

Angeregt durch ein Buch von Baldur Springmann (Parteikollege meines Vaters bei den Ur-Grünen und der ÖDP), welches beim Aufräumen in meine Hände fiel, wurde mir wieder bewusst,  welche unglaubliche Vielfalt  an Lebewesen unsere Erde beherbergt. Leider sind wir – als „Augenwesen“, also durch die Abhängigkeit von unserem wichtigen Sehsinn – in der Wahrnehmung dieser Vielfalt stark eingeschränkt.  So hat der Polarforscher Robert Scott z.B. im Jahr 1903 bei seiner Südpolarforschung noch von antarktischen Trockentälern berichtet, in denen rein gar NICHTS lebt. Das hat man erst in unseren Tagen berichtigt. Auch dort, an einer den unwirtlichsten Stellen der Erde (weniger als -50°C und weniger Niederschlag als in der Sahara, nur Sand und tödliche Winde) leben tatsächlich Bakterien und Algen, welche sich durch Sonnenlicht ernähren. Und es leben dort  Fadenwürmer, welche diese Bakterien und Algen fressen und auch Pilze, welche die Überreste zersetzen. Alle so klein, dass sie das Auge nicht wahrnimmt. Auch ist es der Forschung bisher nicht gelungen, nur einen Bruchteil der Organismen zu erfassen, welche auf und unter der Erde, im Wasser und in der Luft das Leben auf Erden erst ermöglichen. Bakterien, Amöben, Fadenwürmer, Pilze, Insekten, Unterwasserlebewesen der unvorstellbarsten Artenvielfalten sind noch nicht entdeckt – und wir sind fleißig dabei, sie zu vernichten. In jedem Gramm ganz normaler Erde z.B. stecken mehrere tausend Organismen, welche dort leben und auch für uns „arbeiten“. Ob Zersetzung oder Produktion – sie sorgen dafür, dass die Erde hervor bringt, was wir zum Leben benötigen. Noch keinem chemischen Dünger gelingt es, diese Kreisläufe zu imitieren oder gar zu ersetzen. Aber zerstören können sie schon recht erfolgreich. Welche Möglichkeiten sich für den Fortbestand der Menschheit bieten würden, wenn es gelänge im Einklang und in Symbiose mit diesen Lebewesen und ihren Fähigkeiten zu leben, können wir nicht einmal erahnen. Weder wissen wir die Millionen Arten einzuschätzen (auf dem Mond kennen wir uns besser aus, als z.B. in den Ozeanen dieser Welt), noch haben wir eine realistische Einschätzung von den, auf der Erde lebenden Mikroben, Insekten und Pilzen, die unser Leben so vehement beeinflussen. Wenn davon gesprochen wird, dass wir alleine in Bayern jeden Tag eine Fläche zwischen 15 und 30 ha ( 1 ha = 10.000 m²!!) baulich versiegeln, so ist das im Grunde eine ungeheure, unvorstellbar verharmlosende  Vereinfachung. Denn in jedem Quadratmeter (!) Erde beerdigen wir Zig Milliarden von Kleinstlebewesen, welche nur weil wir sie nicht sehen können und nicht kennen (geschweige denn ihr Zusammenspiel mit lebenswichtigen Abläufen), nicht weniger wertvoll sind.

Mir graut vor dem Tag, an dem wir dies alles „auf unsere Rechnung“ gesetzt bekommen. Erschwerend kommt hinzu, dass wir – im Gegensatz zu Robert Scott – nicht mehr sagen können, wir hätten ja gar nichts davon gewusst…