Und das Auge sieht es nicht

Angeregt durch ein Buch von Baldur Springmann (Parteikollege meines Vaters bei den Ur-Grünen und der ÖDP), welches beim Aufräumen in meine Hände fiel, wurde mir wieder bewusst,  welche unglaubliche Vielfalt  an Lebewesen unsere Erde beherbergt. Leider sind wir – als „Augenwesen“, also durch die Abhängigkeit von unserem wichtigen Sehsinn – in der Wahrnehmung dieser Vielfalt stark eingeschränkt.  So hat der Polarforscher Robert Scott z.B. im Jahr 1903 bei seiner Südpolarforschung noch von antarktischen Trockentälern berichtet, in denen rein gar NICHTS lebt. Das hat man erst in unseren Tagen berichtigt. Auch dort, an einer den unwirtlichsten Stellen der Erde (weniger als -50°C und weniger Niederschlag als in der Sahara, nur Sand und tödliche Winde) leben tatsächlich Bakterien und Algen, welche sich durch Sonnenlicht ernähren. Und es leben dort  Fadenwürmer, welche diese Bakterien und Algen fressen und auch Pilze, welche die Überreste zersetzen. Alle so klein, dass sie das Auge nicht wahrnimmt. Auch ist es der Forschung bisher nicht gelungen, nur einen Bruchteil der Organismen zu erfassen, welche auf und unter der Erde, im Wasser und in der Luft das Leben auf Erden erst ermöglichen. Bakterien, Amöben, Fadenwürmer, Pilze, Insekten, Unterwasserlebewesen der unvorstellbarsten Artenvielfalten sind noch nicht entdeckt – und wir sind fleißig dabei, sie zu vernichten. In jedem Gramm ganz normaler Erde z.B. stecken mehrere tausend Organismen, welche dort leben und auch für uns „arbeiten“. Ob Zersetzung oder Produktion – sie sorgen dafür, dass die Erde hervor bringt, was wir zum Leben benötigen. Noch keinem chemischen Dünger gelingt es, diese Kreisläufe zu imitieren oder gar zu ersetzen. Aber zerstören können sie schon recht erfolgreich. Welche Möglichkeiten sich für den Fortbestand der Menschheit bieten würden, wenn es gelänge im Einklang und in Symbiose mit diesen Lebewesen und ihren Fähigkeiten zu leben, können wir nicht einmal erahnen. Weder wissen wir die Millionen Arten einzuschätzen (auf dem Mond kennen wir uns besser aus, als z.B. in den Ozeanen dieser Welt), noch haben wir eine realistische Einschätzung von den, auf der Erde lebenden Mikroben, Insekten und Pilzen, die unser Leben so vehement beeinflussen. Wenn davon gesprochen wird, dass wir alleine in Bayern jeden Tag eine Fläche zwischen 15 und 30 ha ( 1 ha = 10.000 m²!!) baulich versiegeln, so ist das im Grunde eine ungeheure, unvorstellbar verharmlosende  Vereinfachung. Denn in jedem Quadratmeter (!) Erde beerdigen wir Zig Milliarden von Kleinstlebewesen, welche nur weil wir sie nicht sehen können und nicht kennen (geschweige denn ihr Zusammenspiel mit lebenswichtigen Abläufen), nicht weniger wertvoll sind.

Mir graut vor dem Tag, an dem wir dies alles „auf unsere Rechnung“ gesetzt bekommen. Erschwerend kommt hinzu, dass wir – im Gegensatz zu Robert Scott – nicht mehr sagen können, wir hätten ja gar nichts davon gewusst…