Aegypten und jede Menge Gedanken

Irgendwie habe ich ein komisches Gefühl. Einerseits die Freude über den Umschwung in Ägypten, die Revolution des Volkes und die Möglichkeit, nun was Neues in Gang zu setzen. Andererseits die Angst, ob das auch so wird, wie man sich das vorstellt. Fast zu geräuschlos, zu sanft gibt sich das Militär, welches ja in Ägypten seit Jahrzehnten gut mit und von den Despoten gelebt hat. Sollten sich hier einige „Herrschaften“ nur rechtzeitig auf eine Seite geschlagen haben, von der sie hoffen, nun doch noch ein wenig von den Privilegien und Reichtümern der Vergangenheit in die neue Zeit retten zu können? Ist das reiner Opportunismus? Das alles sind Befürchtungen, vage Vermutungen, die es zu zerschlagen gilt. Ich würde mich freuen, wenn das Volk hier wirklich eine Chance bekommt, einen Staat zu schaffen, der es allen Zweiflern zeigt: die Menschen können auch miteinander. Wie bei den Demonstrationen – Moslems, Koppten und Christen. Alte und Junge, Arbeiter und Akademiker. Ich gönne Euch Allen einen neuen Staat und eine neue Führung in einem altehrwürdigen Land.

Was mit Sicherheit reiner Opportunismus ist, sind die Stellungnahmen der westlichen Politiker. Das Ihr Euch nicht schämt! Vor dem Abtreten des Mubarak einen Eiertanz hinlegen, dass es einem die Schamesröte ins Gesicht treibt und nachher eitel Freude zeigen und Glückwünsche übermitteln. Pfui. Das gehört sich einfach nicht. Aber das es nur noch wenige Politiker mit Anstand gibt, wissen wir ja schon. Der ägyptische-deutsche Politikwissenschaftler Hamed Abdel-Samad hat dies in einigen Interviews deutlich und einfach zum Ausdruck gebracht (sieh auch: Interview in der Neckar-Chronik) – und er hat recht. Wir Demokraten haben eine große Chance vertan, uns auf die Seite derer zu bestellen, welche eine demokratische Wende einleiten wollen. Wir haben – zugunsten der Rüstungslobby und zugunsten alter „Seilschaften“ – gewartet, wie sich die Sache entwickelt, anstatt beherzt die Sache zu unterstützen, voran zu bringen und eindeutig Stellung zu beziehen. Eine einzigartige Chance wäre dies gewesen, eine Demokratie zu fördern (nicht fordern!), welche religionsübergreifend und vorbildlich in Afrika für Furore hätten sorgen können (und vielleicht – so hoffe ich mit Vielen – noch sorgt. Aber eben ohne uns…). Aber Merkel und andere haben plötzlich entdeckt, dass man die Völker selbst entscheiden lassen muss, wie es weitergeht. Das dieser Entscheidung eine Auseinandersetzung des Volkes mit dem Regime vorangehen musste die nicht unbedingt auf Chancengleichheit basierte und nicht, wie eine Parlamentsdebatte , beim nachfolgenden Abendessen ausdiskutiert wurde, hat man mal so einfach akzeptiert. In Afghanistan, im Irak und zahllosen anderen Fällen haben die westliche Staatslenker die Interessen des Volkes noch nicht so deutlich entdeckt. Da war es opportun, jedem seine Meinung aufzudrücken und – nachdem man die Despoten vorher militärisch aufgebaut hatte – nachher Alles in Klump und Asche zu bomben. Gut, es hat ein Umdenken stattgefunden. Auf dem kleinsten möglichen Nenner sozusagen. Wir (zusammen mit unserem Vorbild USA) sind nicht in Ägypten eingerückt. Das liegt vielleicht aber auch an der etwas klammen Kassenlage und evtl. doch daran, dass mit dem Militär an der Spitze die Grundlagen für eine weitergehende gute Partnerschaft (heißt ja meist wirtschaftliche „Verträglichkeit“, Schutz unserer Rohstoffzufuhr und Transitwege) gelegt sind. Demokratie im  europäischen Sinne („Wer zahlt schafft an“) stellt sich dann schon wieder ein…

Eine Antwort auf „Aegypten und jede Menge Gedanken“

  1. Lieber Bruder, du sprichst mir aus der Seele, ich hätte angesichts des eifrigen Annerkennungsaufdieschulterklopfens -natürlich nachdem alle Gefahr gebannt ist – wirklich speien können. Die angeblich der Diplomatie geschuldete Zurückhaltung ist echt erbärmlich, sind sie doch allesamt Feiglinge. Die wirklichen Helden müssen sich den Schmarrn gottlob nicht anhören…
    Beste Grüße! deine Schwester

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